Der Salto Angel ist der längste Wasserfall der Welt, der sich vom Auyantepui, einem der imposantesten Tafelberge der Welt, 979 Meter in die Tiefe stürzt.
Den Salto Angel kann man auf verschiedene Art und Weise entdecken. Es gibt unregelmäßig Flüge vom Flughafen Santa Elena (an der brasilianischen Grenze) nach Canaima. Dabei fliegt das Kleinflugzeug
(eine Cessna) am Auyantepui entlang, so dass man den Salto Angel auf einige Kilometern Entfernung sieht. Diese Sicht ist allerdings keine Frontalsicht, denn die üblichen Verkehrsflugzeuge ? egal
welche Größe ? dürfen nicht ohne Genehmigung die entsprechende Schlucht über den Río Churún entlang fliegen. Es gibt auch Rundflüge von Canaima aus direkt zum Salto Angel, sei es per Kleinflugzeug,
sei es per Hubschrauber. Der Vorteil ist, dass man den Salto Angel aus verschiedenen Entfernungen und aus verschiedenen Perspektiven bewundern kann, vor allem in seiner vollsten Länge.
Die authentischste und auch schönste, aber auch mühsamste und unbequemste Weise, diesen herrlichen und atemberaubenden Wasserfall zu bewundern, ist die zu Fuß. Die entsprechende Tour beginnt in
Canaima und wird von verschiedenen Anbietern durchgeführt. Wer von Ciudad Bolívar mit der Cessna nach Canaima fliegt, sollte unbedingt das Flugzeug besichtigen, mit dem Jimmy Angel den Salto Angel
entdeckt hat. Dieses ist vor dem Flughafengebäude in Ciudad Bolívar aufgestellt worden. Nach Ankunft in Canaima muss man zuerst die Gegenstände umpacken, die man für eine einzige Übernachtung
braucht. Das übrige Gepäck wird auf der Basisstation in Canaima aufbewahrt.
Zuerst fährt man im Einbaum von einem Bootssteg namens Puerto Ucaima aus etwa 4 Stunden flussaufwärts die Flüsse Río Carrao und Río Churún entlang. Am Ende der Fahrt gelangt man zur Isla Ratón, auf
der man nach der Besichtigung des Salto Angels übernachtet. Eine einfache Tagestour wird nicht angeboten und ist auch angesichts der langen Bootsfahrt von Canaima aus nicht empfehlenswert. Während
ein oder zwei Führer sich auf der Insel um das Abendessen kümmern, führt der andere Guide die Gruppe durch den Dschungel am Fuße des Auyantepui hinauf bis zu einer Plattform, wo man dem riesigen
Wasserfall am nächsten steht. Der Weg dorthin ist sehr mühsam, denn es geht steil bergauf. Dabei steigt man im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein. Zudem ist der Weg nicht gekennzeichnet,
so dass der Guide aufpassen muss, dass sich keiner aus der Gruppe verläuft. Man wandert etwa 2 Stunden (gemäßigtes Tempo für ?Ungeübte?) einen kleinen Pfad hinauf bis man auf die beschilderte
Plattform gelangt. Dort steht man ein paar hundert von Metern über einer Schlucht und etwa 1.000 bis 1.500 Meter frontal vom Wasserfall entfernt. Die Optik kann auch täuschen, denn der Weg führt
immer stufenförmig zum Auyantepui hin, so dass man sich mit den Maßen verschätzen kann. Schwindelfreiheit ist wird hier vorausgesetzt. Das ist die beste Gelegenheit, Fotos zu schießen. Nach einer
kurzen Verschnauf- und Fotopause geht es noch einmal etwa 30 Minuten und 100 Meter höher über Stock und Stein zu einem natürlichen Schwimmbecken, das quasi ?einen Stockwerk? unterhalb der Stelle
liegt, wo der Wasserfall aufprallt. Dort kann man eine halbe Stunde baden, bevor der Abstieg beginnt. Nach Beendigung der Wanderung gibt es auf der Isla Ratón ein Abendessen. Auf der Insel findet
auch die Übernachtung statt. Am nächsten Morgen fährt die Gruppe zurück nach Ucaima / Canaima. Der Preis für die Tour beträgt etwa US$ 300,00 bis 380,00. Meistens sind nur 2 Übernachtungen buchbar:
Eine auf der Isla Ratón und eine in Canaima in einem der Camps. Der Preis ist berechtigt, denn die Lebensmittel und andere Gegenstände müssen nicht nur nach Canaima, sondern auch von dort die gesamte
Strecke zur Isla Ratón transportiert werden.
Wer die Tour zum Salto Angel mitmachen will, muss neben dem hohen Preis auch einiges an ?unbequemen Kleinigkeiten? bedenken. Zuerst muss man viel Sitzfleisch haben, denn 4 Stunden im Einbaum auf
einem Holzbrett zu sitzen, kann für das Gesäß und manche Knochen sehr unbequem werden. Das Camp auf der Isla Ratón genau gegenüber dem Auyantepui. Ist auch sehr abenteuerlich. Es gibt nur Hängematten
und einfache Tische und Bänke (quasi Brauereigarnituren). Die Unterkunft besteht nur aus ein paar Pfählen und einem Dach, sie ist also ohne Wände. Die Privatsphäre ist angesichts der Tatsache, dass
alle in Hängematten unter einem Dach schlafen, völlig aufgehoben, also Wertsachen immer am Mann tragen. Die sanitären Anlagen sind auch sehr ?rustikal?, also nichts für Leute, die auf absolute und
insektenfreie Hygiene schwören. Die richtige Ausrüstung für eine Übernachtung mitzunehmen ist sehr empfehlenswert, so z.B. ein großes Tuch zum Zudecken beim Schlafen (es gibt keine Decken in den
Hängematten), ein leichter Jogginganzug für die Nacht, ggf. Medikamente gegen Kopfschmerzen, Juckreiz und Insektenbisse jeglicher Art, Taschenlampe, Sonnenschutz (Kopfbedeckung und Sonnenmilch),
Insektenschutzmittel, abbaubare Seife / Shampoo, frische Wäsche, Badezeug, Handtuch und das Wichtigste: Sehr gutes Schuhwerk, denn sogar Trekkingsandalen genügen oftmals nicht den Anforderungen des
Aufstiegs (es gibt tückische und hungrige Ameisen). Der Vorteil: Da die Flüsse Schwarzwasserflüsse sind, gibt es keine Stechmücken, denn das Wasser in Canaima enthält Huminsäuren, die diese Viecher
nicht überleben lässt.
Wer den Aufstieg mitmacht, muss in Kauf nehmen, dass die hiesigen Guides längst nicht so vorausschauend und verantwortungsbewusst sind wie die europäischen Reiseführer. Oftmals marschieren sie
einfach darauf los, ohne auf die Nachzügler in der Gruppe zu warten. Auch machen sie sehr oft die Gruppe nicht darauf aufmerksam, dass manche Stellen sehr rutschig und auch sehr gefährlich sind. Aus
diesem Grund wird diese Aufstiegstour zum Salto Angel von keinem der führenden europäischen Reiseunternehmen per Katalog angeboten. Das Haftungsrisiko im Falle eines Unfalls ist den europäischen und
auch amerikanischen Reiseveranstaltern zu hoch. Der Aufstieg ist für den Durchschnittseuropäer mühsam, das heißt, man muss über eine überdurchschnittlich gute Kondition verfügen.
Wer die hohen Strapazen, die Sorglosigkeit der hiesigen Reiseführer und den mangelnden Komfort akzeptiert und auch den hohen Preis bezahlen wird, wird mit einem Erlebnis und einem Naturdenkmal
belohnt, das einmalig ist. Der Salto Angel gehört angeblich zu den 100 Wunderwerken der Natur, die man gesehen haben sollte. Wer in Venezuela Urlaub macht, sollte sich nach Möglichkeit dieses
atemberaubende Naturschauspiel nicht entgehen lassen. Zur Regenzeit rauscht eine Unmenge an Wasser herunter, so dass der Salto Angel mehrstrahlig fällt. Der Nachteil ist, dass der Auyantepui sich
dann oft hinter einer Wolkendecke versteckt. In der Trockenzeit (November bis April) kommt es vor, dass nur ein verhältnismäßig kleiner Rinnsal zu sehen ist.






